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Bei Seidra im Gailtal — Europas letzte Strickerei und Weberei unter einem Dach
Erschienen im Gwandhaus Journal, Ausgabe 22, Frühjahr 2016. Interview: Anne-Liese Prem mit Michael Pilger, Seidra Textilwerke.
GÖSSL ZU BESUCH BEI SEIDRA — Europas letzte Strickerei und Weberei unter einem Dach
Vom Oberkärntner Gailtal aus, nahe der Grenze zu Italien, spannt die Textilmanufaktur Seidra erfolgreich ihre Fäden zu den Designern in den internationalen Modemetropolen. Europas letzte Strickerei und Weberei unter einem Dach umgarnt nicht nur Gössl mit einzigartigen Dessins und nachhaltigem Umgang mit allerbesten Rohstoffen. Ein spannender Blick in die Welt der edlen Stoffe. Interview von Anne-Liese Prem.
Vom französischen Flachsfeld in die Salzburger Werkstatt
FÜR DIE FRANZÖSISCHEN LEINENBAUERN war dieser Sommer ein besonders hervorragender: lang und gerade ist er gewachsen, der Flachs. Nur Regenwasser braucht er, um schön und gediegen emporzuschießen. Robust und widerstandsfähig, so dass keine Pestizide zum Einsatz kommen müssen. Kein anderer textiler Rohstoff ist ein derartig nachhaltiges Naturprodukt wie Leinen.
SPRICHT MAN MIT MICHAEL PILGER über den Ursprung seiner Stoffe, so spürt man sofort, mit welcher Hingabe er sich der Welt der hochwertigen Garne verschrieben hat. Genauso, wie ein Haubenkoch von den Zutaten für sein Gourmet-Menü schwärmt, erzählt er mit Begeisterung von den Rohstoffen und Prozessen, die in die Herstellung der Textilien der Firma Seidra einfließen. „Wir wissen bei jeder Garnspule, wo die Faser herkommt, wo und wie sie gesponnen, gefärbt und veredelt wird", erklärt Pilger, der das Unternehmen gemeinsam mit seiner Frau Martina Pilger, einer ausgebildeten Textiltechnikerin, und deren Vater generationenübergreifend leitet.

Bildnachweis: Hubert von Herkomer († 1914), „Bäuerinnen beim Flachsbrechen", 1885. Gemeinfrei wegen Alters.
Eine der letzten Leinenwebereien Österreichs
DER FAMILIENBETRIEB mit 45 Mitarbeitern ist eine der letzten in Österreich verbliebenen Leinenwebereien und einer der wenigen, die das Verstricken von Leinfasern noch beherrschen. Neben Leinen stellt Seidra seit den 1950er Jahren auch andere erlesene Textilien wie einzigartige Woll- und Baumwollstoffe sowie diverse Mischungen her. Seidra entwickelt jährlich eigene Stoffkollektionen und stellt sie auf Textil-Messen wie der Première Vision in Paris vor. Dabei überzeugen Dessin, innovative Technik und Qualität der Seidra-Stoffe derart, dass sie auch regelmäßig Eingang in die zukunftsweisendsten Trendbücher finden.
DAS FEINE GESPÜR für modische Strömungen, das enorme textile Wissen und die große Sorgfalt in der Verarbeitung machen den hochspezialisierten Nischen-Produzenten zum gefragten Hersteller in der internationalen Modewelt.
„In unseren Stoffen steckt sehr viel Handarbeit", betont der Firmenchef beim Rundgang in der Manufaktur und zeigt einen Webstuhl, bei dem die Zettler streng nach Mustervorgabe die Garne in bis zu 16.000 Nadeln einfädeln.
„Wir können auch Kleinstmengen von nur 50 Meter eines Stoffes weben. Auch die anspruchsvollsten Kundenwünsche stoßen bei uns auf fruchtbaren Boden." Damit Modeschöpfer wie Karl Lagerfeld ihre kreativen Ideen verwirklichen können, müssen die entsprechenden Garne in unzähligen verschiedenen Varianten auf Lager sein. Pilger: „Bei uns sind das ca. 100 Tonnen. Wir haben eine eigene Zwirnerei im Haus. Dabei werden zwei oder mehr Fäden zu einem Garn verdreht, um einen besonderen Struktureffekt zu erzielen und das Gewebe stabiler zu machen."
Je langsamer der Webstuhl, desto besser die Qualität
STATT MIT QUANTITÄT zu punkten, setzt man bei Seidra auch in der Herstellung auf gediegene Qualität: „Auf unseren alten, langsameren Webstühlen wird das Leinengewebe schöner als auf den modernen, schnelleren", so Pilger. Zahlreiche der 45 Web- und 18 Strickmaschinen der Manufaktur laufen nicht auf Maximalgeschwindigkeit.
„Bei der Verarbeitung von Naturfasern spielt auch der Mensch an der Maschine eine große Rolle: Wir kontrollieren das Gewebe persönlich sofort nach der Entstehung. Wird ein Fehler entdeckt, wird notfalls per Hand nachgebessert."
Ein anspruchsvolles Verfahren, das wohl in den Textilfabriken in Billigproduktionsländern kaum nachvollziehbar wäre.
Nachhaltigkeit und das Kärntner Wasser
WÄHREND DAS GROS DER TEXTILBRANCHE aktuell aufgrund umweltschädlicher Produktionstechniken verstärkt an den Pranger gestellt wird, hat das Umdenken in Richtung Nachhaltigkeit bei Seidra schon längst Einzug gehalten. Pilger: „Vor kurzem waren wir in Paris auf einer Messe mit 1.800 Ausstellern eines von drei Unternehmen mit dem GOTS (Global Organic Textile Standard)-Zertifikat. Es besagt, dass wir schadstofffrei und nachhaltig produzieren. Für mich eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die in Zukunft noch von viel größerer Bedeutung sein wird."
STATT AUF CHEMIE schwört er unter anderem auf eine ganz besondere heimische Zutat, das klare Kärntner Wasser. „Wir bedampfen zum Beispiel das Garn mit Leitungswasser, damit es in der Maschine besser läuft", erläutert Pilger. Durch diese Technik, aber auch durch die Abstimmung der Luftfeuchtigkeit, ja sogar durch Tiefkühlen der Textilien lassen sich die gleichen Resultate wie mit chemischen Zusätzen erreichen. „Nur dauert es eben länger und erfordert viel mehr Know-how und persönlichen Arbeitseinsatz."
Das Gössl Jägerleinen
FÜR GÖSSL werden im Gailtal verschiedenste Stoffe wie ein spezielles Jägerleinen nach besonders strengen Vorgaben hergestellt. Sie werden mit Woll- und Leinen-Mischungen von höchster Qualität gewebt und direkt zur Weiterverarbeitung an Gössl geliefert. Damit ist die Transparenz von der Faser bis hin zum fertigen Gössl Modell gewährleistet.
„Genau wie Gössl setzen wir auf Qualität, Nachhaltigkeit und Vertrauen. Nur sehr wenige Textilmanufakturen in Europa, ja sogar weltweit können dies mit Glaubwürdigkeit von sich behaupten", ist Pilger überzeugt und ist schon wieder auf dem Sprung zu einem nächsten Einsatz: Ein Leinenbauer ist am Telefon, um die kommende Lieferung zu besprechen.
ER KENNT JEDEN HERSTELLER persönlich, dessen Flachs bei Seidra auf die Webmaschine kommt. „Es ist schön, ein Gesicht im Kopf zu haben, wenn wir Garn zum Stoff verarbeiten." Ein Antipode mit einer wohltuenden Gegenposition zur entmenschlichten Massenproduktion und der Beweis dafür, dass die textile Wirtschaft auch durchaus anders funktionieren kann.
Dieser Beitrag wurde wörtlich aus dem Gwandhaus Journal, Ausgabe 22 (Frühjahr 2016), übernommen. Bilder und Bildnachweise stammen aus der Originalausgabe. Das vollständige Heft als PDF finden Sie im Journal-Archiv.


















