Erschienen im Gwandhaus Journal, Ausgabe 36, Frühjahr 2023. Erzherzog Johann Nachrichten — Bauernleinen: nachhaltiger Schatz unserer Vorfahren.
Das Original Bauernleinen von Gössl
Im Alpenraum hat sich eine besondere Tradition der Leinenverarbeitung herausgebildet — das Bauernleinen. Es zeichnet sich durch seinen charakteristischen Griff aus. Verdickungen der gesponnenen Garne treten auch im gewebten Stoff hervor. Sie schenken ihm eine lebendige Struktur und verleihen ihm seinen anziehenden Charakter von wilder Schönheit.
Gössl hat das Original Bauernleinen in seiner typisch geäschten Farbe wachgeküsst und veredelt diesen Urstoff mit feiner Handwerkskunst.
Wolle und Leinen — die Basis der Alltagskleidung
Wolle und Leinen bildeten die Basis für die Alltagskleidung. Die heute so beliebte Baumwolle wurde erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts einigermaßen erschwinglich, wenngleich auch ihre Verfügbarkeit im Gegensatz zu Wolle und Leinen am Land bis ins 20. Jahrhundert hinein stets eine geringere blieb.
Wolle und Leinen konnten sich in den dunklen Monaten, in der viele Arbeiten am Bauernhof ruhten, durch fleißige Frauenhände von der Faser zum Stoff und schließlich zum fertigen Kleidungsstück entwickeln.
Da sich Wolle zwar bestens zur Erzeugung von Kleidungsstücken eignete, als Heimtextilie aber wegen mangelnder Koch- und Reißfestigkeit nicht überzeugte, stellte man diese Textilien aus den Flachsfasern des Leins (lat. Linum usitatissimum) her. Sie sind schmutzabweisend und von Natur aus bakterizid — ideale Voraussetzungen für Heimtextilien in einer Zeit ohne Waschmaschine.
Deshalb kam kaum ein Hof ohne Feld aus, auf dem Lein angebaut wurde.
Aussaat nach den Eisheiligen
Alles begann mit der Aussaat des Leins nach den Eisheiligen im Mai. Es galt: Enge Saat bedeutet hohen Ertrag — und weniger Unkrautjäten im Hochsommer. Diese unliebsame Tätigkeit blieb den Leinbauern zwar nicht erspart, wollten sie eine gute Ernte einfahren, dafür war sie schnell auch wieder vorbei: Nach nicht einmal hundert Tagen war der Lein, der ein kühles und feuchtes Klima bevorzugte und deshalb besonders in den Alpentälern beliebtes Anbaugut war, schon bereit zur Ernte.
Im Gegensatz zu Getreide wurde Flachs nicht geschnitten, sondern gerauft — also mitsamt den Wurzeln ausgerissen. Danach trocknete man ihn, um ihn für das Riffeln vorzubereiten.
Riffeln — die Samen retten
Bündelweise wurde er durch die Riffel — einen grobzinkigen Eisenrechen — gezogen, um die Samenkapseln zu entfernen. Diese wurden aber nicht entsorgt, sondern zur Aussaat im nächsten Jahr aufgehoben oder zur Leinölgewinnung herangezogen. Die fasrigen Abfälle nahm man, um daraus später noch grobe Säcke oder Füllungen fürs Bettzeug zu machen.
Nichts wurde von den kostbaren Rohstoffen verschwendet — Nachhaltigkeit war damals zwar noch ein Fremdwort, dafür aber gelebte Praxis.
Rösten / Rotten — der Fäulnisprozess
Nach dem Riffeln folgte das Rösten oder Rotten. Dazu breitete man den Flachs auf einer Wiese aus und wendete ihn von Zeit zu Zeit. Tau und Niederschläge setzten einen Fäulnisprozess im Flachs in Gang, der den Pflanzenleim zerstörte, der die innenliegende Faser mit dem holzigen Stängel verband.
Wie lange der Vorgang dauerte, hing von der Witterung ab. Wenn der Flachsstängel seinen für die Weiterverarbeitung optimalen Röstgrad erreicht hatte, gab er sich durch eine silbergraue Farbe zu erkennen.
Badstube und Brechelloch
Nun konnte er gedörrt werden. Dies geschah in den von Kirche und Obrigkeit mit Argusaugen besehenen Badstuben — einer Art trockener Sauna, die ein beliebter Treffpunkt der jungen Dorfbevölkerung waren. In der heißen Umgebung verzichteten manche schon mal auf das eine oder andere Kleidungsstück.
Wesentlich weniger brandgefährlich im übertragenen wie wörtlichen Sinn waren die sogenannten Brechellöcher — einfache, gemauerte Gruben, in denen ein Feuer brannte und über dem man in gehörigem Sicherheitsabstand den Flachs auf einem Rost dörrte.
Brecheln, Schwingen, Ribbeln, Hecheln
Der noch warme Flachs wurde dann gebrechelt — die Flachsstängel vom Bast getrennt und die Fasern herausgezogen. Die Breche war als rechteckiger Block mit eingerastetem Eisenschwert gestaltet, das man immer wieder auf die darunterliegenden Stängel fallen ließ.
Danach wurden die Fasern büschelweise geschwungen — auf einem Holzblock mit einem Bleuel ausgeklopft. Mit dem Ribbeisen glättete man die Fasern, bevor man die letzten Unfeinheiten durch das Hecheln entfernte: Dazu zog man die Faserbündel immer und immer wieder durch verschiedene Hecheln — Holzbretter mit Eisenzähnen, Fakirbrettern nicht unähnlich.
Dabei entstanden unterschiedliche Feinheitsgrade: - Grobes Werg für Seile, Säcke, Fackeln - Kürzere Faserabfälle zum Füllen von Bettzeug - Feines Werg zum Spinnen
Brechelfest und Lösegeld
Bevor man aber damit begann, hatten sich die fleißigen Arbeiter das Brechelfest redlich verdient — ein Fest, das den besser Betuchten des Dorfes teuer zu stehen kommen konnte, wenn sie sich den Feiernden unvorsichtigerweise näherten. Dann wurden sie nämlich gerne mit einer improvisierten Schlinge aus einer Handvoll Flachs „gefangen"-genommen und erst wieder nach Zahlung eines kleinen Lösegelds, gerne in flüssiger Form, freigelassen.
Spinnen — Frauenarbeit am Rocken
Im Winter konnten die Männer aus den aufbereiteten Flachsfasern Seile herstellen. Das Spinnen galt als Frauenarbeit. Der Flachs musste vorher noch etliche Stunden in Aschenlauge gekocht und saubergespült werden.
Die Verarbeitungstechnik bestimmte, ob ein grobes oder ein feines Garn entstand: aus trockenem Werg ließ sich ein grobes Garn spinnen, für ein feineres Ergebnis musste es angefeuchtet werden. Man konnte den Flachs nicht aus der Hand oder dem Schoß verspinnen — seine langen Fasern hätten sich verwickelt.
Stattdessen wurde der Rocken gemacht: ein Stock, auf den die Flachsfasern parallel aufgewickelt wurden. Die Frauen klemmten die Enden hinter den Schürzenbund und zupften die Fasern feinsäuberlich auf ihrem Schoß auseinander. Dann wickelten sie sie auf den Rockenstock. Der Rocken konnte zwischen Arm und Brust eingeklemmt gehalten werden — während eine Handspindel verwendet wurde — oder er stand frei auf dem Boden zwischen mehreren spinnenden Frauen.
Gerade in späterer Zeit waren die häufig kunstvoll verzierten Rockenstöcke aber auch Teil des Spinnrads.
Weben — schmale Bahnen, lange Gesänge
Das Aufziehen der Fäden auf den Webstuhl war eine eigene Kunst für sich, die volle Konzentration bedurfte und oft Stunden dauerte. Der Handwebstuhl bedingte die schmalen Breiten des Bauernleinens: meist sind die Stoffbahnen nur 45 bis 75 cm breit.
Das Weben selbst war eine monotone Tätigkeit. Zuweilen ging es deshalb lustig zu: Es wurde gesungen, getratscht, und manchmal, wenn ein Störweber des Weges kam, der gegen Kost und Logis das Weben übernahm, stellte man dessen Webstuhl gar in der Stube auf.
Vom Webstuhl in die Aussteuertruhe
Die frisch gewebte Stoffbahn kam nicht sehr ansehnlich aus dem Webstuhl. Vor der Weiterverarbeitung musste sie erneut in Lauge gekocht und mit Seifenwasser gewaschen, gebürstet und in der Sonne getrocknet werden, ehe sich die helle Naturfarbe des Leinens zu zeigen begann.
In ihren Aussteuertruhen stapelten die Frauen so ihre nachhaltigen und wertvollen Stofferzeugnisse, die bei der Hochzeit mit ihnen auszogen. Oftmals findet man neben einem Monogramm auf der Textilie auch eine Zahl eingestickt, die auf die Anzahl der gleichen bereits in der Aussteuertruhe vorhandenen Stücke verweist — und so indirekt Auskunft über den Wohlstand der Vorfahrin gibt.
Gössls Hommage an die Tradition
Eine große Wertschätzung dieser alten Kulturtechnik und ihrer Schöpferinnen möchte auch Gössl zum Ausdruck bringen: Inspiriert von der Alltagskunst vergangener Jahrhunderte hat Gössl die Besonderheiten des Bauernleinens aufgegriffen und wachgeküsst.
Vom Dirndlleib mit Schnurstepperei und Kreuzstichstickerei, über die Männerjoppe und das Männergilet, bis hin zum Bindegürtel und der Blaudruckjacke feiert Gössl die Nachhaltigkeit und die Geschichte des alpenländischen Bauernleinens in seinen schönsten Formen.

Bildnachweis: Vincent van Gogh, 1884, Öl auf Leinwand (gemeinfrei). Heft 36, Frühjahr 2023.
Häufige Fragen
Was ist Bauernleinen? Eine alpine Tradition der Leinenverarbeitung. Charakterisiert durch lebendige Stoffstruktur — Verdickungen der gesponnenen Garne treten im gewebten Stoff hervor und schenken ihm „wilde Schönheit". Hergestellt aus Flachsfasern (Linum usitatissimum).
Warum nicht Baumwolle? Baumwolle wurde erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschwinglich. Bis dahin waren Wolle und Leinen die Basis der Alltagskleidung im Alpenraum. Leinen war zudem für Heimtextilien wertvoller, weil schmutzabweisend und natürlich bakterizid.
Wann wird Flachs ausgesät und geerntet? Aussaat nach den Eisheiligen im Mai. Ernte nach knapp 100 Tagen — der Lein bevorzugt kühles und feuchtes Klima, daher in Alpentälern beliebt. Geerntet wird durch Raufen (Wurzelausreißen), nicht durch Schneiden.
Was sind die Verarbeitungsschritte vom Flachs zum Stoff? 1. Raufen (Ernte mit Wurzel). 2. Riffeln (Samenkapseln mit Eisenrechen entfernen). 3. Rösten/Rotten (Fäulnisprozess auf der Wiese). 4. Dörren (in Badstube oder Brechelloch). 5. Brecheln (Stängel von Faser trennen). 6. Schwingen (Ausklopfen). 7. Ribbeln und 8. Hecheln (Fasern glätten und sortieren). 9. Spinnen (über Rocken und Handspindel). 10. Weben (auf Handwebstuhl).
Was ist ein Brechelfest? Das Fest nach der Brechelarbeit. Die fleißigen Arbeiter „fingen" dabei mit improvisierten Flachs-Schlingen die besser Betuchten des Dorfes ein, die dann mit einem Lösegeld in flüssiger Form (Alkohol) freigekauft werden mussten.
Wie breit sind Bauernleinen-Stoffbahnen? Meist nur 45 bis 75 cm breit — bedingt durch die Größe des Handwebstuhls. Daher hatten Kleidungsstücke aus Bauernleinen viele Nähte, was wiederum die charakteristische Trachten-Optik prägt.
Was bedeuten die Zahlen auf den Aussteuer-Monogrammen? Sie verweisen auf die Anzahl gleicher Stücke in der Aussteuertruhe — eine Inventarnummer. Indirekt geben sie damit Auskunft über den Wohlstand der Frau, die ins Hochzeitshaus einzog.
Wer waren die „Störweber"? Wanderhandwerker, die gegen Kost und Logis bei den Bauernhöfen webten. Sie brachten Geschichten aus anderen Tälern mit und stellten ihren Webstuhl in der Stube auf — ein willkommener Abwechslung im Winter.
Warum war Leinen für Heimtextilien besser als Wolle? Weil Leinen koch- und reißfest ist und schmutzabweisende, bakterizide Eigenschaften hat — ideal für Wäsche und Bettzeug in einer Zeit ohne Waschmaschine. Wolle ist für Kleidung gut, für Heimtextilien aber weniger geeignet.
Dieser Beitrag wurde wörtlich aus dem Gwandhaus Journal, Ausgabe 36 (Frühjahr 2023), übernommen. Erzherzog Johann Nachrichten. Bilder und Bildnachweise stammen aus der Originalausgabe. Das vollständige Heft als PDF finden Sie im Journal-Archiv.


