Peter Rosegger und sein Loden-Janker — Ein Steirer, der seinen Namen für Kinderkleider hergab

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Peter Rosegger und sein Loden-Janker — Ein Steirer, der seinen Namen für Kinderkleider hergab

Erschienen im Gwandhaus Journal, Ausgabe 25, Herbst 2017. Text: Monika Primas. Mitveröffentlicht in den Erzherzog-Johann-Nachrichten.

Peter Rosegger und sein Loden-Janker — Ein Steirer, der seinen Namen für Kinderkleider hergab

Ein Mensch und ein Kleidungsstück als Synonyme für zeitlose Aktualität und soziales Engagement. Von Monika Primas.

Das wirklich Beste des Stadtlebens mit dem Besten des Landlebens zu vereinigen, das wäre die „Blüte der Kultur". — Peter Rosegger

IM JAHR 2018 GEDENKT die Steiermark eines großen Sohnes des Landes. Aus Anlass des „100. Todestages von Peter Rosegger" werden zahlreiche Akzente und Aktivitäten — wie bereits in einem Impulsjahr 2013 erstmals initiiert — rund um den bekannten Steirer gesetzt. Besonders wichtig erscheint es diesbezüglich, die Persönlichkeit Peter Rosegger in seiner gesamten Breite darzustellen: vom einfachen Waldbauernbub und Schneiderlehrling bis hin zum auflagenstarken Literaten und Zeitkritiker. Neben Erzherzog Johann (1782–1859), der unsagbar viel für die Steiermark geleistet hat, zählt Peter Rosegger sicherlich zu den bedeutendsten und verdienstvollsten Persönlichkeiten des Landes.

Ein Leben wie ein Roman

DIE UNGLAUBLICHE BEWEGTHEIT UND DYNAMIK, die das Leben von Peter Rosegger kennzeichnet, lässt ihn schon in seiner Zeit zu einer Legende emporsteigen. Er selbst beschreibt seine außergewöhnliche Geschichte mit klaren Worten:

„Ich habe drei, wenn nicht vier verschiedene Gesellschaftsschichten durchlebt, durcharbeitet, durchlitten. Die dabei gemachten Erfahrungen dünken mich in meinen hoffärtigsten Stunden fast so wertvoll wie ein ganzes achtklassiges Gymnasium. … das Fabulieren habe ich gar nicht gelernt. Mein erstes Kinderstammeln — sagt die alte Base — sei eine Geschichte in steirischer Mundart gewesen und mein Leben — sagen schöngeistige Zeitungsberichte — ein Roman."

Für viele ist der Name Peter Rosegger noch immer in erster Linie mit dem Image des idyllischen Waldpoeten verbunden. Es waren vor allem seine Dorfgeschichten, die humorvollen Beschreibungen seiner Erlebnisse und die zahlreichen Gedichte — häufig in steirischer Mundart —, die ihn in dieser Rolle bis heute bestätigen.

Portrait Peter Rosegger.

Freundlicher Poet und streitbarer Journalist

PETER ROSEGGER WAR ABER NICHT NUR ein freundlicher Poet, sondern auch ein sehr schlagkräftiger, scharfsinniger und sogar überaus streitbarer Schriftsteller und Journalist — was heute allzu oft in Vergessenheit gerät. Wenn wir nun über diesen anderen Peter Rosegger sprechen, dann müssen wir ihn zuerst einmal aus seiner Zeit heraus betrachten: Rosegger lebte in Jahrzehnten rascher sozialer, wirtschaftlicher und technologischer Veränderungen. Denken wir an die zunehmende Industrialisierung und an die damit verbundenen psychologischen, ökonomischen und ökologischen Folgen, die der Steirer zeitlebens nicht nur genau beobachtete, sondern auch äußerst heftig kommentierte.

In seinen zahlreichen Romanen wie „Jakob der Letzte" (1888) oder „Erdsegen" (1900) beschäftigte er sich mit den überbordenden Ereignissen dieser Jahre. Die Beiträge in seiner Monatszeitschrift „Heimgarten", von ihm 1876 gegründet und über 30 Jahre redaktionell geleitet, avancierte zu einem zeitkritischen Forum, welches seine ganz persönliche, scharf formulierte Meinung innerhalb eines breiten Themenspektrums widerspiegelte.

Ländliche Bildung inklusive sozialer Komponente

EIN WESENTLICHER ASPEKT des umtriebigen Daseins Roseggers widmete sich der Bildung für die Landbevölkerung, welcher als sichtbares Zeichen 1902 in der Errichtung der „Waldschule" in Alpl, seinem Geburtsort, gipfelte. Es war ihm ein besonderes Anliegen, die bäuerliche Gesellschaft zu schulen, ihr ein zeitgemäßes Handeln zu ermöglichen, um das nicht zuletzt durch die Industrialisierung stark gefährdete Bauerntum zu erhalten. Damit dieses Projekt in die Realität umgesetzt werden konnte, bedurfte es einiger Anstrengung des Initiators, die sich vor allem in großangelegten Aufrufen für eine Spendenaktion niederschlug. In diesem Zusammenhang fand wohl auch der so genannte Rosegger-Loden seinen Ursprung.

DENN: „Noch zu Lebzeiten Roseggers entwickelte sich ein heute kaum vorstellbarer Rosegger-Kult. Gaststätten, Schutzhäuser und Straßen, aber auch unzählige Produkte wurden nach dem steirischen Dichter benannt. Peter Rosegger profitierte aber nicht persönlich davon, sondern knüpfte die Verwendung seines Namens an Konditionen — es ging ihm dabei um soziale Zielsetzungen. So gewährte er dem Lodenfabrikanten Kawann die Genehmigung, seinen Namen für den Rosegger-Loden und die daraus gefertigten Rosegger-Janker zu verwenden — als Gegenleistung forderte er, dass die ärmlichen Kinder der Waldheimat-Schule kostenlos von diesem Fabrikanten eingekleidet wurden."

Rosegger-Janker als „Opfergabe" für die Heimatgemeinde

ROSEGGER SELBST ÄUSSERTE SICH diesbezüglich in seiner Monatszeitschrift „Heimgarten" bedenklich:

„Im Stadtpark hinter mir zwei Damen. ‚Du!' flüsterte die eine, ‚schau! er ist es'. — ‚Wer?' — ‚Der Rosegger.' — ‚Der Rosegger? Wer ist denn das?' — ‚Na, du weißt doch. Steht doch jeden Tag in der Zeitung. Der die Janker macht, die Roseggerjanker.' — ‚Ah, der!' Ich hatte es natürlich nicht gehört und stapfte meines Weges. Nun wußte ich, woher meine ‚Volkstümlichkeit' kommt. Der Jankermacher! Der Ruhm des Schneiders hatte den des Dichters überholt. Aber er ist unverdient. Ich mache keine ‚Janker' und kann es nicht.

Hier ist Gelegenheit, folgendes zu sagen: Es fällt auf, daß gewisse Waren, die mich nichts angehen, mit meinem Namen belegt werden, daß mit meinem Namen solchergestalt Handel getrieben wird. Das Recht dazu hat niemand erworben, ist auf vieles Tribulieren einzelnen Firmen zur Zeit nur freiwillig gestattet worden. Dieses nicht gering anzuschlagende Opfer bringe ich meiner Heimatgemeinde Krieglach-Alpel. Denn das ist jenen Kaufmannshäusern gegenüber meine Bedingung: So lange ich ihnen meinen Namen gestatte, müssen sie den Kindern der Waldschule jährlich Kleider oder Kleiderstoffe oder Lehrmittel oder andere Beihilfen spenden. Nur dann und nur so sind für mich die ‚Rosegger-Janker', ‚Rosegger-Hüte', ‚Rosegger-Loden', ‚Rosegger-Krägen' u.s.w. mit ihrer Reklame zu ertragen."

VERGEBLICH BLEIBT DEMENTSPRECHEND auch die Suche nach Bilddokumenten, auf denen Peter Rosegger im Rosegger-Janker, Rosegger-Hut oder ähnlichem Trachtengewand posierend festgehalten wurde; er bevorzugte offensichtlich korrekte städtische Kleidung wie etwa den Gehrock — zumindest in seinen späteren Lebensjahren.

Titelbild der Monatszeitschrift „Heimgarten", 1. Ausgabe 1876.

Bildnachweis: „Heimgarten" Erstausgabe, 1876. Gemeinfrei wegen Alters.

Vermarktung als „Touristen-Konfektion"

VOR ALLEM DER ROSEGGER-JANKER war es nun, der uns doch — wenn auch nicht kontinuierlich in gleichbleibendem Maße im Trend liegend — bis ins Heute erhalten blieb. In diversen Publikationen zu umfassenden Trachtensammlungen treffen wir immer wieder auf Hinweise dazu. So etwa im „Steirischen Trachtenbuch", das vom Wiener Industriellen und Volkstumsforscher Konrad Mautner (1880–1924) in Zusammenarbeit mit dem Grazer Volkskundler Viktor Geramb (1884–1958) als Standardwerk zur Trachtenforschung in zwei Bänden veröffentlicht wurde. Hierin findet der Rosegger-Janker, vermarktungs- wie tourismuskritisch beäugt, seine Erwähnung:

„Ähnlich verhält es sich mit dem Janker. Ein richtiges Werktagsgewand aus schlechtem, dünnem Loden, häufiger aus Leinwand, Barchent oder dünnem Flanell, hat er sich als Haus- und Arbeitsröckel bei alten und jungen Bauern und besonders bei den Knechten immer gehalten. Aber auch er hat mit der Touristen-Konfektion eine Art Wiederbelebung erfahren und ist von den Großhandlungen in München, Innsbruck, Salzburg, Wien und Graz aus als blauer oder grauer Leinenjanker und besonders als rot-schwarz, grün-schwarz, braun-gelb oder ähnlich gewürfelter, aber auch als glatter grauer und blauer, oft häßlich erbsengrüner, ja sogar als grellgelber Flanell- oder Leinenjanker in alle Welt gewandert. Dabei erhielt er (nicht vom Volk, sondern von der Konfektion!) allerhand alpin klingende Namen, wie z. B. ‚Rosegger-Janker', obwohl der verehrte Dichter damit nicht das mindeste zu tun hatte."

Regionale Einflüsse und politische Relevanz

DIE GRAZER VOLKSKUNDLERIN Gundl Holaubek-Lawatsch (1919–2015) verweist in ihrem Buch über die steirischen Trachten auf den Rosegger-Janker in der Region Oststeiermark–Mittelsteiermark: „In Anlehnung an den Arbeitsjanker aus kariertem (‚gehäuseltem'), zweifarbigem Loden, der in den Lodenwalken der Ost- und Weststeiermark erzeugt wurde, vielleicht auch beeinflußt vom Pepitarock (‚Faltenrock') der Ausseer, kam um 1935 ein vorwiegend grün-schwarz, aber auch rot-schwarz und grün-braun oder grün-grau fein oder gröber karierter Janker auf."

DASS DER ROSEGGER-JANKER aber nicht nur für die Trachtenforschung Relevanz besaß und besitzt, sondern auch im politischen Kontext seinen Platz fand, muss an dieser Stelle noch erwähnt werden. Im Journalisten, Religionswissenschaftler und politischen Aktivisten Günther Nenning (1921–2006) fanden Peter Rosegger sowie der Rosegger-Janker einen namhaften Verfechter:

„In meinem Kasten hängt ein Rosegger-Janker, grün und schwarz kariert. Ich trag ihn zum Demonstrieren: daß mein Herz (ein geräumiges Linksherz) für die Bauern schlägt. Ich mag Peter Rosegger, erstens überhaupt und zweitens, weil ihn die aufgeblasenen ‚Hochkulturellen' und ‚Hochgeistigen' nicht mögen. Kunst ist, was niemand versteht, nur wir — dieser Definition ist Rosegger genau entgegengesetzt. Man versteht ihn, er greift ans Herz; beides verbotene Eigenschaften."

Rot-schwarzer Loden im internationalen Modegeschehen

ES WAR AUCH EINE HERZENSANGELEGENHEIT, als das Steirische Heimatwerk das Impulsjahr 2013 zum 170. Geburtstag von Peter Rosegger zum Anlass nahm, um den Rosegger-Janker, der inzwischen etwas in Vergessenheit geraten war, wieder salonfähig zu machen. Der Janker wurde daher sowohl in traditioneller Form als auch neu interpretiert wieder aufgelegt. Seit dem Jahr 2013 ist dieser — im klassischen Sakkoschnitt für Damen und Herren sowie in verschiedenen Farbvariationen — in steirischer Fertigung wieder exklusiv im Steirischen Heimatwerk erhältlich. Der Stoff dazu stammt aus dem Hause Leichtfried, dem einzigen steirischen Unternehmen, das derzeit noch Rosegger-Loden fertigt.

Natur und Mensch

WAS PETER ROSEGGER zu dieser gegenwärtigen Entwicklung gesagt hätte, können wir nicht ergründen. Vielleicht hätte er diese ja gutgeheißen, womöglich wiederum mit einer sozialen Komponente verbunden. In diesem Sinne wäre auf jeden Fall sein Ansatz bestätigt:

„Denn das Heimatland ist nicht bloß Eigentum des gegenwärtigen Geschlechtes, sondern auch der Nachkommen."

Es war die Liebe zur Heimat, zur Natur, zu den Menschen, die Rosegger stets antrieb und in seinem Tun bestärkte. Als scharfsinniger Analytiker und phantasievoller Querdenker hinterlässt er uns damit ein unglaubliches Konvolut an handfesten Errungenschaften mit nachhaltiger Wirkung sowie visionäre Gedankenkonstrukte, die — selbstverständlich kritisch betrachtet — ins Heute gesetzt in vielerlei Hinsicht mehr denn je Geltung besitzen.

Dieser Beitrag wurde wörtlich aus dem Gwandhaus Journal, Ausgabe 25 (Herbst 2017), übernommen. Bilder und Bildnachweise stammen aus der Originalausgabe. Das vollständige Heft als PDF finden Sie im Journal-Archiv.

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