Wie eine zweite Haut — Eine Kulturgeschichte des Leders

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Wie eine zweite Haut — Eine Kulturgeschichte des Leders

Erschienen im Gwandhaus Journal, Ausgabe 40, Frühjahr 2025. Wie eine zweite Haut. Verfasst von Eva Weiler, Erzherzog Johann Stiftung Mitteilungsblatt.

Wie eine zweite Haut

Wenn uns ein Kleidungsstück perfekt passt, es uns sanft umfängt, nachgiebig und bequem, aber auch formend und schützend ist — dann, sagen wir, sitzt es „wie eine zweite Haut". Leder tut das im doppelten Wortsinn. Deshalb erfreut es sich höchster Beliebtheit für hochwertige und langlebige Kleidungsstücke.

Wie eine zweite Haut - Gwandhaus Journal, Heft 40
Aus dem Gwandhaus Journal, Heft 40

Altsteinzeit — die Geburt der Gerbung

SCHON während der Altsteinzeit fand man heraus, dass Gerbstoffe die Häute, die bei der Jagd anfielen, vor dem Verrotten schützten. Rauch, Speichel und Alaun halfen ebenso, die Häute haltbar zu machen, sodass Leder bald in verschiedenen Varianten gefertigt werden konnte.

SO STAND es gemeinsam mit dem Pelz wohl noch vor den ersten gewebten Stoffen auf dem Kleidungsplan unserer Vorfahren. Und auch für die Erstellung von Taschen und Beuteln, Hütten und Liegestätten bewährte es sich als robuster, aber flexibler Werkstoff.

ÜBER DIE Jahrtausende hinweg entdeckten die Menschen immer mehr Möglichkeiten, verschiedenste Tierhäute haltbar zu machen — vom Rind bis zum Rochen, vom Pelz bis zum Velours.

Glattleder vs. Rauleder

GLATT- UND RAULEDER? Das ist die grundsätzliche Frage, wenn man sich mit dem Griff von Leder auseinandersetzt:

- Glattleder: Narbenseite oben — die oberste Hautschicht, aus der einst die Haare wuchsen - Rauleder: eine Seite der Haut angeschliffen, was ihm eine samtige Oberfläche verleiht

Anilinleder — die offenporige Variante

OFFENPORIGE Leder — auch Anilinleder genannt — werden im Gegensatz zum gedeckten Leder an der Oberfläche nicht behandelt. Für sie eignen sich nur die hochwertigsten Häute, da jeder Fehler sichtbar bleibt.

DURCH das Fehlen einer Oberflächenbehandlung sind sie sehr weich und atmungsaktiv, in der Pflege aber aufwendig — Wasser, Sonne und Gebrauch hinterlassen schnell Spuren. Semianilinleder sind eine geschützte Variante mit dünner Schutzschicht.

Gedeckte Leder — robust und farbenreich

Gedeckte Leder sind aufgrund ihrer Robustheit und Farbenvielfalt beliebt. Sie sind mit einer Farb- und Schutzschicht überzogen, wodurch kleinere und größere Mängel überdeckt werden können.

DIE POREN der Narbenseite sind durch eine Versiegelung geschlossen. Feuchtigkeit und Schmutz perlen ab. Die Atmungsfähigkeit leidet jedoch unter der Behandlung.

Nubuk, Velours, Spaltleder

Rauleder-Varianten:

- Nubuk: narbenseitig angeschliffenes Glattleder (feiner) - Velours: fleischseitig angeraut (gröber) - Spaltleder-Velours: aus gespaltener Haut, beide Seiten weich, aber dünner

Chromgerbung — die Industrierevolution 1858

DIE HEUTE am häufigsten angewandte Gerbung ist die Chromgerbungüber 80% aller weltweit hergestellten Lederwaren entstehen aus chromgegerbtem Leder.

SIE IST die kostengünstigste und schnellste Gerbart und wurde ab 1858 vom Deutschen Friedrich Knapp entwickelt. In weniger als 24 Stunden werden durch den Einsatz von Säuren und Chromsalzen Rohhäute zu Leder transformiert.

DAS CHROMGEGERBTE Leder ist stabil gegenüber Wasser und Hitze sowie lichtecht.

Das Manko der Chromgerberei

DAS GROSSE Manko der Chromgerberei ist aber der Einsatz giftiger Chromsalze, die bei mangelhafter Entsorgung oder gar Verklappung in vielen Herstellungsländern für schwere Umweltschäden verantwortlich zeichnen.

DIESE schädlichen Stoffe geraten auch bei der Entsorgung der Endprodukte in den Umweltkreislauf, wenn etwa chromgegerbte Lederwaren auf der Deponie verrotten und die darin enthaltenen Chromsalze zu giftigen Abbauprodukten oxidieren.

Vegetabile Gerbung — die uralte Methode

VEGETABIL gegerbtes Leder verwendet statt der umstrittenen Chromsalze natürliche Tannine — etwa aus:

- Fichten-, Birken- und Eichenrinde - Galläpfel - Olivenbaumblätter

DIE Vegetabilgerbung ist die älteste aller Gerbarten und war bis zur Industriellen Revolution der Stand der Technik.

Lohwälder und der Begriff Lohe

IN MITTELEUROPA erwies sich die Rinde der Stieleiche als besonders dankbarer Gerbstofflieferant.Ganze Wälder — die sogenannten Lohwälder — wurden dafür angepflanzt.

AUS DEN alt- und mittelhochdeutschen Worten für „Gehölz" und „Ablösen/Abschälen" entwickelte sich auch der Begriff der „Lohe", der das gerbstoffreiche Ausgangsmaterial der vegetabilen Gerbung bezeichnet.

DIE VORSILBE „Loh-" schlug sich infolgedessen in vielen Orten, Städten und auch Namen nieder — und gibt bis heute Aufschluss über die weite Verbreitung des einstigen Gewerbes.

Warum die Chromgerbung dominiert

VEGETABILE Gerbung hat Nachteile:

- Mehrere Monate Dauer (statt 24h bei Chrom) - Steifer als chromgegerbtes Leder - Dunkelt nach (je nach verwendetem Tannin)

Für Schuhsohlen ideal — für geschmeidige Handschuhe nicht.

Weißgerberei — Alaun und Kochsalz

DANEBEN gibt es auch noch die Weißgerberei. Bei der Weißgerberei werden Mineralien wie Alaun oder Kochsalz zur Gerbung verwendet — besonders feiner und dünner Leder.

DIE berühmten Glacéhandschuhe adeliger Damen früherer Jahrhunderte entstanden meist aus mit Alaun gegerbtem Kalbsleder. Auch Ziegenhäute wurden von den Weißgerbern für die Herstellung von Handschuhen, Täschchen, Buchdeckeln und Etuibezügen verarbeitet.

Sämischgerbung — Dorschlebertran und die Lederhose

BESONDERS für das Leder von Huftieren — Hirsch, Reh, Gämse, Schaf und Ziege — kommt die Sämischgerbung zum Einsatz.

BEI der Sämischgerbung kommen tierische Fette zum Einsatz, die in einem langwierigen Prozess auf die Häute aufgetragen und eingewalkt werden. Heute wird dafür vorwiegend Dorschlebertran als Abfallprodukt der Fischfangindustrie verwendet. Auf umweltschädliche Chemikalien kann deshalb verzichtet werden.

Etymologie sämisch

DER BEGRIFF Sämischgerbung stammt wohl vomniederländischen Wort „zeem" her, das „weich" bedeutet — oder aus dem Türkischen „semiz" für „fett".

ERSTERES beschreibt das Endprodukt am besten: Sämischleder fühlt sich samtig-weich an, besonders da es meist als Rauleder ausgeführt wird.

Salzburger Altschwarz

HÄUTE, die sämisch gegerbt werden, werden für Bekleidungszwecke häufig eingefärbt. Besonders das „Salzburger Altschwarz" erfreut sich großer Beliebtheit. Dabei wird von der Oberseite her erst eine schwarze Färbung, danach noch eine braune aufgetragen.

DAS BEDINGT eine besonders edle Patinierung des Kleidungsstücks bei regelmäßigem Gebrauch — die Trachten-Lederhose bekommt durch das Tragen ihre einzigartige Patina.

Sämischleder und die Lederhose — die ideale Kombination

Sämischgerbung ist die Gerbung der Wahl für die traditionelle Lederhose. Sie vereint:

- Geschmeidigkeit auf höchstem Niveau - Strapazierfähigkeit für jahrzehntelangen Gebrauch - Atmungsaktivität an heißen Tagen - Feuchtigkeitsaufnahme bis zum Achtfachen des Eigengewichts (chromgegerbtes Leder schafft das Dreifache)

Der stolze Hirsch — Träger der Tracht

DER STOLZE Hirsch mit eindrucksvollem Geweih — kaum ein Tier der alpinen Fauna beeindruckt so sehr durch seine majestätische Haltung und Stärke. Popkulturell zum Krafttier erhoben, steht der Hirsch für Freiheit, Kraft und Individualität, symbolisiert aber zusehends auch Naturverbundenheit und Tradition.

DOCH DAS Leben im Hochgebirge hinterlässt seine Spuren. So ist jedes Stück Hirschleder anders gezeichnet. Vom feinen Kratzer bis zur gröberen Narbe erzählt die Hirschhaut von den Naturgewalten, von Revierkämpfen und Bedrohungen durch Raubwild.

DIESE MASERUNG verleiht dem Kleidungsstück eine ganz individuelle Note. In sie ist die Erinnerung an das einstige Trägertier eingeschrieben — und die Tatsache, dass es sich hierbei nicht um Massenware handelt, sondern um ein Naturprodukt.

Dieser Beitrag wurde wörtlich aus dem Gwandhaus Journal, Ausgabe 40 (Frühjahr 2025), übernommen. Verfasst von Eva Weiler, Erzherzog Johann Stiftung Mitteilungsblatt. Das vollständige Heft als PDF finden Sie im Journal-Archiv.

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